Wer kennt ihn nicht den Unterschied zwischen Temperatur und gefühlter Temperatur. Man schaut auf das Thermometer: vier Grad und man hätte schwören können, es wären drei. Ja, so ist es mit vielen Dingen auf dieser Welt. Auf der einen Seite ist das unverrückbare Faktum und auf der anderen Seite die individuelle Perzeption. Einen ganz neuen Aspekt dieser Unterscheidung zeigt uns dieser Tage das Elbe-Geest-Wochenblatt auf. Ein beunruhigender Artikel über Kriminalität und Gesellschaft im Landkreis Harburg ist unter folgender Überschrift zusammengefasst: »Die gefühlte Angst vor Raub nimmt zu«. Nun könnten einige Schlaumeier einwenden: »Gefühlte Angst, gibt es noch eine andere Angst als eben die Gefühlte? Ja und wie wäre die dann, diese nicht-gefühlte Angst?« Nun kommt es es eben darauf überhaupt nicht an. Ich möchte mir daher an dieser Stelle erlauben, eine längere Passage aus diesem äußerst instruktiven Artikel zu zitieren.
»Halbwüchsige halten einem Mann in Stade eine Pistole an den Kopf, türmen mit 30 Euro. Eine Kumpelbande schlägt in Buchholz auf einen Jugendlichen ein, zieht ihn ab. Am Winsener Bahnhof erpressen zwei junge Männer mit einem Messer das Geld eines Radlers. Typische Fälle von Straßenraub in diesem Jahr. Was einst Großstädten zugeschrieben wurde, schwappt nun auf die Provinz über. ‘Junge Täter schlagen für wenig Beute brutal auf Schwache ein’, sagt Stades Polizeisprecher Rainer Bohmbach. Die Folge: Bei den Bürgern steigt die gefühlte Angst.«
Am besten gefällt mir der Terminus technicus »Kumpelbande«. Da denkt man sogleich an die Crips und Bloods in LA. Die Folge: gefühlte Angst. Und dann die Sache mit den Liliputanern, die mit 30 Euro türmen. Das klingt wie aus der Offenbarung des Johannes: Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen. Und eine Kumpelbande Liliputaner baute einen Turm, einen Turm zu Babel und siehe, er kostete nur 30 Euro. Doch bei den Bürgern stieg die gefühlte Angst vor Raub, nicht die Angst vor Raub, geschweige denn der Raub selbst, sondern das Gefühl die Angst vor Raub könne am Ende zugenommen haben.
Doch das nur nebenbei. Denn ist diese Gegend, dieser Speckgürtel um Hamburg, je treffender und kürzer charakterisiert worden als in eben dieser Weise. Das Krüppelwalmdach-Syndrom hat somit endlich einen Namen: die gefühlte Angst, die Furcht vor der Furcht.
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