Am Hamburger Hauptbahnhof hat man sich ja schon fast damit abgefunden, demnächst kann
einem auch in Berlin eine einfache Ubahnfahrt die abgrundtiefe Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und einiger widerlicher BVG-Schergen im Besonderen vor Augen führen. Es gibt wohl kaum eine Maßnahme, die treffender die abartige Verlogenheit moderner Innenstadtplanung versinnbildlicht, als das Vertreiben von Obdachlosen u.ä. mit Kuschelklassik. Gleichzeitig kann wohl kaum etwas mehr geeignet sein, den gesellschaftliche Standort von Musik überhaupt zweifelhaft erscheinen zu lassen: Die Übergänge zwischen dem weichgespülten Müll, der nicht nur hier zum Einsatz kommt, sondern anderswo beispielsweise ein angenehmes Kaufklima schaffen soll, und Musik, die man selbst schätzt und die man zur stilistischen Ausstaffierung der eigenen sich eher konsumkritisch gebenden Individualität nutzt, sind ja durchaus fließend, und nichts bewahrt einen vor der Aussicht, die Klänge, die man liebt, demnächst als Waffe eingesetzt zu sehen. Zwar scheint mir vieles von dem, was ich höre, einigermaßen immunisiert gegen eine solche Verwendung, aber erstens ist das nicht unbedingt gesagt und zweitens müssen gerade diejenigen Platten, auf die das nicht zutrifft, die also einen sagen wir “harmonischeren” Charakter haben, zunehmend dem Verdacht ausgesetzt sein, auch jenseits des Bahnsteiges der akkustischen Verzuckerung einer Welt zu dienen, die eigentlich unerträglich ist.