Ich bin krank und da handelt man ja manchmal verrückt. So schleppte ich mich im erkältungsbedingten Tran zum nächsten Elektronikgroßmarkt meines Misstrauens und machte etwas, was ich seit bestimmt zehn Jahren nicht gemacht habe: Ich kaufte eine aktuelle CD (Definition: eine CD ist aktuell, wenn es sich nicht um ein Reissue eines Jazz-Klassikers aus den Sechzigern für 5,99 handelt), deren Existenz mir zudem durch den Kulturteil der Tageszeitung bekannt gemacht wurde: Gang of Four, Content (nicht die Special-Deluxe-Edition, weil ich zum Zeitpunkt des Kaufs noch nicht wusste, dass diese “ein Kunstbuch enthält, in dem Jon und Andy auf Keramikkacheln die letzten 40 Jahre des Weltgeschehens abbilden”). Schon auf dem Rückweg (auch so eine fast vergessene Sache: Im Bus die Plastikhülle um die CD aufreißen in der vergeblichen Hoffnung, im Booklet etwas Unterhaltendes zu finden) musste ich feststellen, dass ich auf diese Weise einen mir unsympathischen Herrn finanziert habe, und das, obwohl dieser nach eigener Ansicht bereits die Popkultur Europas dominiert. Sowas.
Leider ist die Platte nicht besonders: Davon einmal abgesehen, dass “Rock” (Definition: weiße, aufrechte Männer versuchen mit Gitarrebassschlagzeug und Gesang Intensität und Authentizität zu erzeugen) vielleicht auch seine besten Zeiten hinter sich hat, war an Gang of Four doch mal der extrem sparsame Einsatz von Instrumenten gut: Wenn zu den keineswegs raumfüllenden Standardgerätschaften noch so ein tutendes Etwas dazukam, hatte man schon den Eindruck von barocker Opulenz, und wenn in einem einzigen Song zusätzlich ein Saxophon tutete, war man den Tränen nahe. Hier kracht und scheppert es ununterbrochen, und auch wenn das alles “kristallklar”, “schneidend”, “spröde” oder [hier ein weiteres Musikjournalistenwort einsetzen] produziert ist, klingt es doch verdächtig nach den von Daniel Lanois produzierten U2-Alben. Kulturindustrie, mit anderen Worten. Überhaupt ein Wort, das man mal wieder häufiger verwenden sollte. Was also tun? Hier kommt eine Technik zum Einsatz, die ich ebenfalls seit langem nicht mehr einsetzen musste: Immer wieder hören, irgendwann gewöhnt man sich dran und findet das (ja immerhin nun einmal vorhandene) Produkt dann doch irgendwie ganz gut.
Ähnlich scheint derzeit die EU mit Weißrussland zu verfahren. Wenn dieser gut informierte Herr hier recht hat, wird sich Europa nicht zu ökonomischen Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime durchringen können, nachdem dieses den Präsidentschaftskandidaten Nekljajew und die Journalistin Chalip aus der Haft entlassen hat. Dass das etwas anderes ist als “freilassen”, zeigt u.a. dieses Video (unten auf der Seite, embedden klappt nicht).
Nekljajew und Chalip werden in Zukunft ihre Wohnungen mit KGB-Beamten teilen, die für sie ans Telefon gehen, den Kontakt mit der Außenwelt unterbinden und generell ein Auge darauf haben werden, was sie so machen. Chalips Ehemann, der Präsidentschaftskandidat Andrej Sannikow, ist nach wie vor in Haft, ebenso über 50 weitere im Zusammenhang mit den Protesten vom 19. Dezember Verhaftete.
Wer mehr wissen will, kann sich diese Anhörung im US-Senat reinziehen. Ab Minute 86 spricht Natalja Koljada, Gründerin des “Freien Theaters Belarus”, und fasst eigentlich alles ganz gut zusammen. Es ist immer ausgesprochen beeindruckend, die dann doch zahlreichen weißrussischen Oppositionellen zu sehen und zu hören, die trotz des unglaublichen Ausmaßes an Repression nicht aufgeben und denen die EU gerade in den Rücken fällt.
Eigentlich ist es ziemlicher Unsinn, diese beiden völlig unzusammenhängenden Themen in einen Eintrag zu packen. Aber wie gesagt, ich bin krank, da macht man manchmal merkwürdige Dinge.
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