Mittwoch, 28. April 2010
Vier Tage Stettin, Zweiter Teil: Sehenswürdigkeiten
Neben den tausenden mit alten knienden Damen gefüllten Kirchen, von denen die St. Johannes der Täufer-Kirche die mit Abstand schönste ist (geile Kirchenfenster), erblickt der aufmerksame Rundgänger auch das alte Postgebäude, das Rote Rathaus (in Stettin, nicht Berlin), das Radisson SAS Hotel und natürlich das Schloss der Herzöge von Pommern, in dessen Innerem die Sarkophage der Herzöge rumstehen. Der zugehörige Schmuck liegt in Glasvitrinen im Nationalmuseum, Abteilung Altes, und ist immer eine Reise wert. In der Abteilung Zeitgenössisches des Nationalmuseums trifft der Besucher auf das junge moderne Polen. Hier sind in der aktuellen Ausstellung in erster Linie Cumshots einer jungen blonden Dame und Homosexuelles zu sehen. Das Schifffahrtsmuseum bietet ebenfalls sehr interessante Ansichten, der Besuch konnte jedoch zügig beendet werden, da der Bereich Schifffahrt gerade für Besucher gesperrt war. Alle Museen versprühen den Charme des Unperfekten und sind damit den ausgestellten Dingen und Kunstwerken angemessen hergerichtet. Ein alter nicht restaurierter fünfflügeliger Altar kann eben schöner und beeindruckender sein, als ein alter restaurierter dreiflügeliger Altar. Meine Meinung.
Die jüngere Geschichte lässt sich direkt im Stadtbild begutachten. Da wo heute eine Bank ihren Sitz hat, war 1970 die Zentrale der Kommunistischen Partei. Arbeiter zündeten das Gebäude damals an, als die Preise mal wieder gestiegen waren. Daraufhin wurden von dem nahegelegenen Polizeigebäude etliche Demonstrierende erschossen. Ein Denkmal in Engelsform erinnert daran.
Aussicht über die Stadt gewähren der Turm der Jakobikirche, der Turm vom Schifffahrtsmuseum, das Café 22 im 22. Stock eines Hochhauses und der Turm vom Schloss der Pommerschen Herzöge (noch bis Mai geschlossen). Insbesondere aus dem Café 22 kann mit viel gutem Willen ein städtebauliches Kuriosum erahnt werden. Führende Stettiner Astrologen glauben erkannt zu haben, dass Lage und Anordnung der Hauptplätze in Stettin “Bezug auf die Konstellation Orion und das uralte Pyramidenkomplex in Giza” nehmen.
Dienstag, 27. April 2010
Vier Tage Stettin, Erster Teil: Trauer
Vulkanbedingt nach zwei Stunden Zugfahrt in Stettin anstatt nach zweieinhalb Stunden Flug in Barcelona. 1:0 für die Naturgewalt. Aber was soll’s, wer interessiert sich schon für Modernisme und Tapas, wenn die Gelegenheit besteht, in die – laut Medienberichten – unendliche kollektive Trauer eines Landes einzutauchen.
Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel steckt in der scheinbar obligatorischen Flaggenhalterung an jedem Haus die weiß-rote Flagge mit schwarzem Band, der Fernseher in der Hotelbar zeigt die Särge auf halbem Wege zur Wawelkathedrale. Wahrscheinlich sind eine Woche lang alle Geschäfte, Museen und Restaurants geschlossen. Ein Urlaub, so reizarm wie die Norddeutsche Tiefebene, steht bevor.
Ein erster Spaziergang durch Stettin sorgt für Erleichterung. Die vielen Pärchen, die vernünftigerweise auf die Beerdigungszeremonie im Fernsehen verzichtend an der Hakenterrasse sitzen und dort bei strahlendem Sonnenschein sich selbst und den Blick auf die Westoder genießen, vermitteln nicht den Eindruck, dass die Trauer so unendlich und so kollektiv ist wie zunächst erwartet. Es sieht so aus, als ob man auch trotz der aktuellen Situation – jetzt kommt das Wortspiel, für das ich den ganzen Aufwand hier betreibe – Gaudì in Polen haben kann.
Samstag, 24. April 2010
Szene einer Ehe
Am Flohmarktstand. ER hält ein undefinierbares Etwas aus Lederriemen hoch:
“Kiek ma, hier is n Maulkorb für Dich.”
SIE: “Brauch ick nich.”
Donnerstag, 22. April 2010
Aus der Reihe "Bedeutungsschwangere Mülleimerinhalte"
Mittwoch, 7. April 2010
Das letzte Wort zur Hegemann-Debatte...
...ist hier zu hören. Trotz einer gewissen Airen-Lastigkeit (Mexiko!) werden einige Fehler vermieden, die zum Scheitern des Hegemannschen Projekts führten: Selbst wenn es der Literaturwissenschaft gelingen sollte, ein Plagiat nachzuweisen, ist der Collage-Charakter des Werks auch für verbohrteste Interpreten nicht zu übersehen. Außerdem wird der Tatsache Rechnung getragen, dass bei Hegemann die Kombination aus avantgardistischer Form (Kinderfickdrogengroßstadtroman) und Inhalt (seltener Lurch) das Lesepublikum überfordern musste. Daher bedient man sich hier, wie bei diesem verwandten, auf Empirie setzenden Projekt, einer ansprechenderen Präsentationsform: Die bereits bestens eingeführte Musical-Form trägt zur Vermittlung des – deswegen nicht minder schleimigen – Gehalts bei, anstatt sie zu erschweren.
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