Obwohl ich aus einer ländlichen Gegend stamme, hat mich die technische Seite der Landwirtschaft bisher nie richtig interessiert: Mit Bauer Rabeler über Melkmaschinen zu plaudern oder Bauer Behr über die Kapazität seiner Rübenhäckselmaschine auszufragen, gehörte nie zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Schade eigentlich, denn dank des Technik-und-Motor-Teils der FAZ (seit einem langweiligen Dienstag vor einiger Zeit meine Lieblingslektüre) kenne ich mittlerweile einige Sätze, die bestimmt Eindruck geschunden hätten: “Lademaschinen wie der von Ropa gebaute selbstfahrende Reinigungslader “Euromaus” schaffen bis zu 350 Tonnen Zuckerrüben in der Stunde, was für den reibungslosen Abtransport das Vorhandensein einer ganzen Flotte fünfachsiger Gliederzüge voraussetzt”, hätte ich etwa, lässig an einen Schweinestall gelehnt, von mir geben können, um gleich darauf den wahrscheinlich nicht FAZ-lesenden Landwirt mit einem flotten Themenwechsel verblüffen zu können: “Rasches Gülleansaugen über entsprechend dimensionierte Saugarme ist für den wirtschaftlichen Gülleabtransport ebenso von Bedeutung wie das Vorhandensein eines auf bis zu 24 Meter ausgelegten Schleppschlauchgestänges für das präzise und zügige Gülleausbringen,” hätte ich zu Bedenken gegeben, während mein Blick über den Bauernhof geschweift wäre, um das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines solchen Gestänges feststellen zu können. Leider ist es nun zu spät, denn wie jedem Bauern und auch der FAZ bekannt ist, “gilt, daß der Umgang mit Gülle zu einer Angelegenheit von Spezialisten geworden ist.” Und was solche Güllespezialisten miteinander reden, bleibt dem letztlich doch Fachfremden opak, um – neben Schleppschlauchgestänge – ein weiteres Lieblingswort zu benutzen.
Mittwoch, 29. November 2006
Euromaus mit Gestänge
Freitag, 24. November 2006
Zum wahrscheinlich letzten Mal
Nicht schlecht, denke ich, aber so wirklich beeindruckt mich erst ein Flyer für die Geburtstagsfeier des “Grandfather Of Rock’n‘Roll”, Chuck Berry, in Hamburg. Denn da steht dieser mittig platzierte und farblich hervorgehobene Satz über dem Bild von Chuck Berry, auf dem er eine Kapitänsmütze und ein Hemd trägt, von dem ich nicht zu sagen vermag, ob es mit einem Batikmuster gefärbt oder einfach nur schlammverdreckt ist. Dieser Satz, der vor dem Hintergrund, dass es sich um einen 80. Geburtstag handelt, und durch sein Ausrufezeichen – bei allem zugestandenem Realitätssinn – eine gewisse Geschmack- und Schamlosigkeit nicht abstreiten kann:
Zum wahrscheinlich letzten Mal in Hamburg!
Mittwoch, 22. November 2006
Was mir letztens auffiel
Der Chefredakteur des Doms heisst übrigens Christian Schlichter. Die Reportage auf Seite 3 trug die Überschrift “Märchen über den Tod.”
Onkel Jans Rätselecke
“Fantasie” ist ein schreckliches Wort. Der alte Slogan “Die Fantasie an die Macht” erscheint heute bestenfalls unsinnig oder lässt schlimmstenfalls an eine von Michael Ende und Reinhard Lakomy gemeinschaftlich geleitete Diktatur denken. Auch “Rätsel” ist ein schreckliches Wort, nicht erst, seit man lieber “Sudoku” dazu sagt. Wie schaffe ich es also, der verehrten Leserschaft nahezulegen, dass diese Seite, die sich fantasievollen Rätseln widmet, ganz ganz klasse ist? Nun, sie ist es; für längere Beweihräucherungen reicht die Zeit nicht, da das nächste Level angegangen sein will. Man sollte übrigens die Sprache des Erzfeindes einigermaßen beherrschen oder (wie ich) ein Wörterbuch neben dem Computer liegen haben, den man die nächsten 5-6 Stunden nicht mehr verlassen wird.
Montag, 20. November 2006
Frau Spots und Frau Stripes
Zugegeben, ich bin nicht der erste, der sich dieses Video bei YouTube anschaut. Genau genommen bin ich der einemilliondreiunddreißigtausendneunhundertvierundvierzigste. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um ein sinistres Meisterwerk handelt; wenn ich da auf einen Zug aufspringen kann, bin ich gerne dabei.
Sonntag, 19. November 2006
Et in Arcadia ego
Spandau Arcaden, Potsdamer Platz Arcaden, Ring Center I, Ring Center II, Biesdorf Center, Schönhauser Allee Arcaden, HavelPark Dallgow, EKZ Wust, GesundbrunnenCenter, Neukölln Arcaden. Dass selbst diese Schaufassade des Kapitalismus über ein widerliches Grinsen nicht hinauskommt, ist bezeichnend, ökonomisch aber irrelevant, da die Zielgruppe (Zielgruppe Loser / Loser und Normalos) dieses Grinsen offenbar für ein freundliches Lächeln hält. Und es wird nicht nur gekauft. Das wäre nicht schlimm. Es wird die standardisierte Hohlheit nachgelebt und nachgefühlt, was das Zeug hält. Da fällt einem eigentlich nur adornitische Kulturkritik der plattesten Art zu ein. Wenn man wenigstens über adornitische Sprachgewalt verfügen würde! Da dem nicht so ist, bleibt es ganz schlicht beim “Burn, Warehouse, burn”. Auch wenn das wieder mal nur ein Zitat ist.
Samstag, 18. November 2006
Pack schlägt sich
Interessante Zustände bei den Jungunionisten in Rüttgers-Land:
Mal was anderes

Neulich bin ich beim Mittelstand gewesen, denn er hatte eingeladen: Jan Hofer, Friedrich Merz und weitere Prominenz. Und auch ich durfte kommen, durfte bleiben und sogar mitschreiben. Das fand ich nett, denn was die Anwesenden zu erzählen hatten, war von keiner großen Freundlichkeit für mich und meinesgleichen Lohnabhängige. Freundlicher war man aber zur Kunst, zur “Gemeinschaftskunst”, wie es der Vertreter der Commerzbank nannte. Prominent stellte man sie in den Bühnenhintergrund, fünf Schauspieler gaben dann typische Vertreter von Mittelstand, Politik und uneinsichtigem Volk. Da gab es zum Beispiel einen Lackfabrikanten, der einer unbekannte schöne Kunststudentin im Museum zu einem Praktikum in seinem Betrieb verhilft, den verbitterten Aufsteiger-Stahlproduzenten, dem der bodenständige Mittelständler rät, doch ein wenig in die Bildung der Belegschaft zu investieren und die visionäre Juristin, die sich über das “Konsensgequatsche” aufregt.
Auch die Beiträge der Podiumsdiskussion konnten diese Biederkeit nicht abwechslungsreicher gestalten: zu schwerer Sozialballast, zu geringe Lohnspreizung nach unten, Geiselhaft der Gewerkschaften, mangelnde Bildung, demographische Herausforderung and the blahblahblah. Nach kontroversem Einvernehmen kam dann “Günna”, machte einen Spruch, dass mit Mineralwasser ja nix aus dem Mittelstand werden könne, der Veltins-Vertreter auf dem Nachbarsitz krümmte sich vor Lachen und als man ausgelacht hatte, begab man sich nivelliert ans Buffet, ich aber an die Pommesbude.
Unsympathisch:
Leute, die einem beim Reden ständig das Gefühl geben wollen, ihre Ansicht sei nicht nur richtig, sondern die einig mögliche. Sie hätten sich mit dem Thema bereits eingehend beschäftigt, vielleicht auch diese oder jene Alternative erwogen, aber am Ende sei halt nur diese eine Schlussfolgerung zu ziehen. Sie hätten ja Verständnis, aber man müsse nun mal den Tatsachen ins Auge sehen. Also eigentlich 95% aller Leute.
Freitag, 17. November 2006
Bahnhof Berlin-Friedrichstraße
“Hallo, hier mal die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kostenlos testen?”
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“Hallo, hier mal die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kostenlos testen?”
“Hallo, hier mal die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kostenlos testen?”
“Hallo, hier mal die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kostenlos testen?”
“Mann, wenigstens EINMAL in der Woche kann man schon mal ne Zeitung lesen!”
Dienstag, 14. November 2006
Kurzbesprechung des Langgedichts
Es ist schon ein ziemlich sympathischer Plan, nicht nur den Ist-Zustand der Welt, sondern auch deren gesamte Geschichte von den Sumerern und Ägyptern über die Antike bis in die Zukunft hinein zu schildern und dabei nicht nur die wesentlichen Weltreligionen, sondern auch diverse romantisch-esoterische Strömungen nach 1.200 Seiten in eine Riesensynthese zu überführen – in Versform, natürlich. Schon 1910, als die Erstausgabe von Däublers Nordlicht erschien, dürfte das den Zeitgenossen ziemlich größenwahnsinnig vorgekommen sein, weshalb sie sich entschieden, das Werk mit Nichtachtung zu strafen. Dass das ein Fehler war, liegt weniger am philosophischen Gehalt dieses Riesengedichts (obwohl der auch ganz toll sein könnte – soweit bin ich noch nicht), auch nicht daran, dass Däubler aussah wie Christoph Marthaler, sondern schlicht an seiner Fähigkeit, zwischen ziemlich viele unverständliche kosmogonische Verse immer wieder wunderbare, beinahe konventionelle Lyrik einzuschmuggeln:
Das Wasser scheint vom Lande eingesogen,
Es reift ein Nachmittag auf dem Moraste,
Von Purpurfurchen ist der Sumpf durchzogen,
Die Segel hängen schlaff von ihrem Maste,
In Trägheit eingemuschelte Gestade
Umstarrt die See gleich einem Prachtachate,
Die Thürme aber glühn in einem Ätherbade,
Es ist, als ob ihnen ein Lichtgott nahte.
Der Wind, der rothe Barken froh geschaukelt,
Erlaubt den Booten jetzt am Strand zu schlafen,
Die Masten sind von Goldträumen umgaukelt
Und glattes Wasser ebbt um jeden Hafen.
-Theodor Däubler. Das Nordlicht. Kritische Ausgabe, Bd. 6.1. Hrsg. v. S. Nienhaus u. D. Werner. Dresden 2004, S. 65.
Montag, 13. November 2006
Love never die
Schon der sehr beengt lebende und sehr global denkende Jürgen von der Wense wußte von den “kleine[n] Freuden, wenn man chinesisch oder japanisch lesen kann.“° Eine große Freude in den Zeiten der Globalisierung ist das Blog Hanzi Smatter, das beweist, dass Engrish keine Einbahnstraße ist und dass man verdammt noch mal vorsichtig sein sollte mit Tätowierungen. Gehen nämlich nicht wieder weg.
°“Ich sah im Seebad eine Dame in einem dunkelblauen Kimono, flammend rot stand 5 Ellen hoch am Rücken: ‘Tokioer Feuerwehr’” (Jürgen von der Wense: Epidot. Hrsg. v. Dieter Heim. München 1987, S. 108).
Sonntag, 12. November 2006
Nazis!
Ich habe sie gesehen. Es waren drei. Sie kamen aus Potsdam-Mittelmark. Sie hatten einen gewaltigen Depeche-Mode-Aufkleber am Auto.
Editorische Notiz
Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski ist neu aufgelegt worden. Wäre ich größenwahnsinnig, würde ich dies auf einen Verlagsbrief zurückführen, in dem ich vor einigen Jahren die Nichterhältlichkeit dieses Buches bitter beklagte. Wäre ich bei allem Größenwahn ein wenig realistisch, müsste ich einsehen, dass die Neuauflage bei Schöffling erscheint und nicht beim seinerzeit angeschriebenen Piper-Verlag. Wäre ich bei allem Realismus doch noch ziemlich größenwahnsinnig, würde ich annehmen, der Piper-Verlag habe sich aus Scham über das von mir monierte Versäumnis umbenannt. Wie dem auch sei. Hier handelt es sich um ein Buch, das man gelesen haben muss. Ernsthaft.
Freitag, 10. November 2006
Gentrification live
Ick war ma wieder in Neukölln jewesen. Interessant, wie der Kottbusser Damm von der Unterschicht in ihrer ganzen Vielschichtigkeit bevölkert wird, während die Querstraßen ausschließlich den In-Krauts sowie einigen angloamerikanischen Hipstern zu gehören scheinen. Homogen hier, homogen dort; nur an den Straßenkreuzungen kommt es zu Zusammenstößen. Da müssen dann die Studenten auf dem Weg vom hippen Plattenladen nach Hause schon mal spitze Bemerkungen von der “Viel weiß, viel pink, viel Kunstpelz”-Fraktion einstecken, während unter den Augen der “Restposten aus L :) ndon”-Überwachungskamera türkische Bettler von Designerkinderwägen überfahren werden.
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