Nachdem meine Redakteurskollegen (Frauenquote, anybody?) ja bereits härteste Selektionsmechanismen für abonnierunwillige Jungle World-LeserInnen in Erwägung gezogen haben, möchte ich gerne an die Fantasie der Leserschaft apellieren. Was besonders für ein Abonnement der erwähnten Berliner Publikation spricht, ist ihre Bildauswahl. Wenn Sie also bitte so freundlich sein würden, sich zu diesem Artikel einmal diese Bilder vorzustellen, um zu sehen, was Sie allwöchentlich verpassen? Danke! Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt zum großen Glück beim mittwochlichen Briefkastengang.
Montag, 30. Oktober 2006
Gutes tun und Gutes lesen
Standortbestimmung
Sich über die Aidswaisen von Malawi lustig zu machen, ist eine Pointe, die unterhalb selbst meines Niveaus liegt. Ein klarer Vorteil für Gehässige scheint mir demnach, wenn jemand anders den Müll runterbringt.
Angeboten hat sich in diesem Fall der Lions-Club Arnsberg-Sundern. Um den armen Aidswaisen und ihren Familien einmal Gutes widerfahren zu lassen, veranstaltete dieser eine Unterschriftensammlung gegen Medikamenten-Patente und spendete AIDS-Präperate und Kondome ein Benefizkonzert. “180 SchülerInnen und Schüler”, davon rein statistisch gesehen 0,15 selbst mit dem HI-Virus infiziert, “begeisterten das Publikum mit einem umfangreichen Programm aus modernen und klassischen Stücken, sowie Tanz und Musicaleinlagen”, wie meine Kollegin Delia Kämmerer, bei der ich gerade nicht sicher bin, ob sie mit Egon Kämmerer, der die Verantwortung für die Website des Lions-Club trägt, verwandt ist, in der heutigen WR schreibt.
Ist aber auch nicht so wichtig, auf das Konzert einer Queen-Coverband mit anschließender Derek Jarman-Retrospektive hätte ich mich ja sofort eingelassen, der Gedanke an 180 GymnasiastInnen, die Mama und Papa beweisen müssen, dass ihnen neben der neuen Jeans auch andere Menschen nicht am Arsch vorbeigehen, wirft eigentlich nur die Frage auf, ob sie denn bitte auch “Let the sunshine in” zum Besten gaben, davon gibt es in Malawi nämlich auch nicht genug.
Der investigative Journalismus weiß dafür andere interessante Dinge zu berichten: “Selbstverständlich sei es dabei auch, dass jegliche Einnahmen (...) für die Hilfe in Malawi verwendet werden”, so angeblich der Vorsitzende des Lions-Clubs. Besonders schlecht kann es also um die Verbreitung von Fremdwörterbüchern nicht bestellt sein, wenn die Organisatoren immerhin noch in der Lage sind, die Bedeutung von “Benefiz” nachzuschlagen.
Bürgermeister Vogel, der in Ermangelung eines Tocotronic-Konzertes den Samstagabend wohl im Sauerland-Theater verbringen musste, fand selbstverständlich ebenfalls lobende Worte: “Am heutigen Abend wurden Arnsbergs Kinder zu Botschaftern für unsere Stadt.” Ihre Botschaft: Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.
Samstag, 28. Oktober 2006
Gutes tun ist gar nicht schwer
Die Jungle World steht mal wieder vor dem Aus. Nach eigenen Angaben benötigt die Wochenzeitung 500 neue Abonnements, um unabhängig “von sämtlichen Parteien, Stiftungen und Bewegungen” existieren zu können.
Nun, ich bin bereits ein guter Mensch und beziehe die Jungle World schon eine geraume Zeit im Abo. Aber vielleicht findet sich im überschaubaren Leserkreis dieses Blogs noch der eine oder andere gute Mensch, der dafür sorgt, dass ich auch weiterhin jeden Mittwoch die Jungle World in meinem Briefkasten finde. Und nicht gezwungen bin, auf das Mad Magazin zurückzugreifen.
Sozialprestige, ein leichtes
Wer dank jahrzehntealter Geheimtip(p)°s in den Augen hübscher BuchhändlerInnen steigen will, muss nicht unbedingt schwer im Magen liegende, angejahrte Avantgarde à la Arno Schmidt nach Hause schleppen: Der feine, zeitlose Robert Walser reicht völlig aus, um auf dem Gesicht der sonst so reservierten Französin bei KomMedia (was für ein Name!) ein bezauberndes Lächeln der Anerkennung und des Einverständnisses erscheinen zu lassen. Ob dies bei Namensvetter Martin ebenso funktionieren würde, wage ich zu bezweifeln. Daher der Tipp an alle Liebhaber deutschnationaler Altherrenpornos:
1. Zum schweizer Meister greifen.
2. Zur Kasse gehen.
3. Lächeln & Prestige einheimsen.
4. Irrtum bekennen.
5. Schweizer Meister durch deutschen Langweiler ersetzen (Prestige geht flöten, aba dit Lächeln dit kann eim keener mehr wegnehm wa).
6. Zahlen.
7. Gehen.
ps. Dieses Posting ist nicht nur praktische Lebenshilfe, sondern tratscht auch ein Geburtstagsgeschenk aus. Alles Gute, Anne!
° Tagesordnungspunkt für die nächste Redaktionssitzung: Alte oder neue Rechtschreibung?
Вундеркинд
Die russische Sprache kennt zahlreiche Germanizismen, von denen sich die meisten – Šlagbaum, Masštab, Marš – auf typisch deutsche Werte wie Ordnungsliebe oder Präzision zurückführen lassen. Warum aber “Vunderkind”? Eine Todesanzeige in der heutigen FAZ hilft hier weiter. Vor uns liegt das Leben von Peter Michael Rügner, das wie folgt zusammenzufassen wäre: Geboren am 12. Februar 1941 in Stuttgart. Aufstieg zum Ministerialrat. Gestorben am 4. Oktober 1941 in Lohmar-Deesem. Wer braucht angesichts solcher Vorbilder noch kaukasische, angeblich lebensverlängernde Milchgetränke?
Freitag, 27. Oktober 2006
Make Love not Warcraft
möglicherweise schon bekannt, aber klasse. Alleine dafür lohnt sich die schnelle Internetverbindung.
Donnerstag, 26. Oktober 2006
modern times
Montag, 23. Oktober 2006
Küchenlinguistik
Das Showgeschäft steht am Abgrund einer beschämenden Zickenkrieg-Apokalypse. So heißt es nicht in der Offenbarung des Johannes, sondern in der von Inga Grömminger, die wahrscheinlich “Journalistin” auf ihrer Visitenkarte stehen hat. Nun ist es ja so, dass Worte für gewöhnlich auf etwas verweisen, was man salopp “Inhalt” nennen könnte. Dieses Verweisungsverhältnis ist arbiträr, aber durch die sprachliche Konvention festgelegt. Fordert man diese Konvention heraus, etwa durch Wortneuschöpfungen, kann das schreiberischen Fame geben, sofern von der Leserschaft trotzdem noch eine Verbindung zwischen unbekanntem Wort und intendiertem Inhalt hergestellt werden kann.° Gelingt dies nicht°°, muss Frau Grömminger wohl in irgendeine BZ-Redaktionskasse einzahlen. Besteht schließlich, wie bei der erwähnten Apokalypse, zwischen Wort und Inhalt überhaupt keine Beziehung°°°, sodass völlig schleierhaft bleibt, was uns die BZ mitteilen will, gibt es zur Strafe ein Linguistik-Posting: Voilà.
° Beispiel: Das Verb “nattern” im selben Artikel. Allerdings sind die echten Nattern ungiftig, sodass die Nick wohl eher “trugnattern“ würde.
°° Beispiel: Das Adjektiv “untergürtellineal”, ebenfalls im selben Artikel. Hier denkt man zunächst an Gerätschaften für Mathe-Nerds und muss sich mühsam auf Leandros & Co. zurückbesinnen.
°°° Weiteres Beispiel: Das “Journalistin” auf Frau Grömmingers Visitenkarte.
Sonntag, 22. Oktober 2006
Neue Vahr Süd
Sven und Michael Regener – die ungleichen Brüder der deutschsprachigen Popmusik? Man kann es sich so richtig vorstellen: Sven der ältere, begabtere, spielt Cello, Michi Schlagzeug; dann kommt dieses Punk-Ding, Sven geht nach Berlin, wird erfolgreich, Michi kommt damit nicht klar, findet falsche Freunde, Landser quasi Gegengründung. Sven soll immer noch sehr ungehalten werden, wenn man ihn auf den jetzt im Knast sitzenden Bruder anspricht.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Hausgemachte Probleme
Eine schönere Formulierung als die folgende habe ich bisher in keiner Analyse des desolaten Zustands des HSV gelesen:
In einem zähen Verhandlungskampf verjagten Beiersdorfer und Hoffmann zudem den erfahrenen und spielstarken Stürmer Sergej Barbarez.
Die im weiteren Verlauf geäußerte Hoffnung sollte sich jedoch nicht erfüllen:
Vielleicht schaffen die Hamburger gegen die Portugiesen die Wende.
Dienstag, 17. Oktober 2006
Lokalgeschichte
Weil Mama (Hallo!) nicht antimateur.org-Korrespondentin für Ashausen und Umgebung werden wollte, bin ich mal eingesprungen und habe die Geschichte von Schlachter Sievers in Stelle recherchiert. Knallhart, versteht sich.
(via Instant Nirvana)
Montag, 16. Oktober 2006
Modernisierung um jeden Preis
Der Zukunft zugewandte Stalinisten legten ja dereinst einen großen Teil ihrer sprichwörtlichen Hoffnung in ein Bergsteigerinstrument. Nun ist dieses zeitgleich mit dem Stalinismus durch ein Fibercarbonat-Produkt ersetzt worden, so dass ich gerne folgende Frage beantwortet hätte. Welcher Mittel bedarf es, um dem großen Sauerländer Franz Müntefering ihm seine eigene Dummheit angemessen zu würdigen?
Persönlich würde ich Einzelhaft in der Mescheder Klosterabtei, Zwangslektüre und Dauerbeschallung mit “Glück Auf, der Steiger kommt” vorschlagen.
Sonntag, 15. Oktober 2006
He sang destroy
In einem Observer-Roundtable wurde ja letztens Busted für den Niedergang von Rock verantwortlich gemacht. Mir eigentlich schnuppe, so lange Casting Shows diese wundervolle A-Capella Aufführung der gesammelten Werke von Cannibal Corpse im Programm haben, können Boybands so viele Gitarren wie sie vollen zerbrechen. Meine Frage an die Austrifizierten unter euch, wäre dann nur noch, welchen Platz der adrette Bösewicht denn eigentlich gemacht hat?
Freitag, 13. Oktober 2006
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Rock und Indie-Rock?
Ganz einfach: Die Begründer von Rock heißen Jimmy, Keith und Elvis. Die Begründer von Indie-Rock dagegen sind Barren, Reck und Schwebebalken. Was macht man eigentlich heute, wenn man im Sportunterricht schlecht ist? Kennt jemand Paolo Nutini? Sieht so die Zukunft aus? Es scheint, als gehörte nach Aderlass und Reepschlagen nun eine weitere Kulturtechnik endgültig der Vergangenheit an. Zum Leichenschmaus nun ein wundervolles Dokument aus jenen Tagen als Unterschwung und Umschwung noch den Unterschied machten: Ironie.
Donnerstag, 12. Oktober 2006
Die Bonmot-Reform
Hiermit möchte ich für die Einführung beruflich passender Sprichwortabwandlungen plädieren. Aus “Erst denken, dann reden” wird “....dann drehen” für den Klempner, “....dann Kurzwahl drücken” für alle Call-Center-Angestellten, “....dann ablesen” für Nachrichtensprecherinnen und “.....dann schreiben” für Norbert Bolz. Für seinen Lektor übrigens “....dann sofort in den Papierkorb werfen.”
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