Montag, 12. Juli 2010
Vier Tage Stettin, Letzter Teil: Hafen
Doch nun zum Thema, dem Hafen von Stettin. Und wer in Stettin vom Hafen spricht, muss im gleichen Atemzug auch die Tierwelt erwähnen. Das hat die durchgeführte Hafenrundfahrt ganz klar gezeigt. Denn kaum hat das Schiff abgelegt und die auf einer Insel gelegene Reparaturwerft – alle benötigten Materialien müssen per Fähre angeliefert werden – an Backbord hinter sich gelassen, schon biegt man Steuerbord ins Naturschutzgebiet ein, dessen einzige Anzeichen von Zivilisation die ehemaligen Liegeplätze der deutschen U-Boote im zweiten Weltkrieg sind.
Da beginnt die Welt der Schwäne, Kormorane, Biber und Seeadler. Insbesondere die zwei Dämme der nagefreudigen Biber und die stolzen Seeadler, fünf an der Zahl, mal fliegend, mal im Baum sitzend, sorgen für mächtig gute Laune unter den wenigen Passagieren der Ausflugsbarkasse. Die Seeadler leben eigentlich weiter nördlich im Stettiner Haff, kommen aber gerne zu ihren Mahlzeiten und vermutlich auch für die Touristen hier vorbei. Nach einiger Zeit auf offener See zeichnen sich am Horizont Kräne ab, mit denen die schlesische Kohle auf die Lastkähne nach Berlin verladen wird.
Da ansonsten im Hafen industriell nicht mehr viel los ist, plant die Stadt, das Hafengebiet mit seinen kleinen Inseln anderweitig zu nutzen. “Floating Garden” heißt das Konzept, nach dem bis 2050 ein neuer Stadtteil errichtet werden soll. Da nicht nur leerstehende Hafengebäude, sondern auch hübsch gelegene Schrebergärten neuen, chiquén Hotelanlagen weichen sollen, kann an dieser Stelle nicht von Gentrifizierung geschwiegen werden. Sollte es im Gegensatz zu einer anderen Hansestadt gelingen, die Kosten im Rahmen zu halten, könnte die neue Philharmonie ein hervorzuhebendes Highlight der Stettiner Hafencity werden.
Mittwoch, 12. Mai 2010
Vier Tage Stettin, Dritter Teil: Leibliches Wohl
Was kann man schon über die Möglichkeiten Leiblichen Wohls in Stettin schreiben, wenn das diesem Eintrag beigefügte Bild so viel mehr sagt, als die tausend Worte, die den eigenen Wortschatz bilden. Vielleicht nur soviel, dass Fett dort kein anderes Wort für schädlich ist, sondern immer noch als das fungiert, was es ist: Geschmacksträger. Und sollte es einmal davon zu viel geworden sein, lässt es sich mit dem örtlichen Wodka namens Starka, dem Whisky in Geschmack und Farbe nicht unähnlich, neutralisieren. Verschiedene Altersklassen von 10 bis 50 Jahren mit exponentiell steigendem Preisniveau bilden eine breite Angebotspalette dieses Getränks.
Ein anderes Getränk ist das ebenfalls örtliche Bier der Marke Bosman. Mein persönliches Bosman-Urteil dazu: Angenehm im Geschmack, allerdings ähnlich kohlensäurefrei wie das Bier in Neuköllner Wettcafés. Mir hat’s gefallen, muss aber jeder selbst wissen.
Wer keine Böcke auf Saure Mehlsuppe, Eisbein und gekochten Aal hat und es lieber international mag, dem empfiehlt sich ein Besuch bei McDonalds. Der Vegetarier geht ins vegetarische Restaurant. Preisbewusste werden gerne in den angeblich so zahlreichen Milchbars empfangen. Ich selbst habe nur eine geschlossene Milchbar gesehen als ich satt war.
Das Leibliche Wohl schlägt um in pure Restaurantwellness, wenn der Kellner die polnische Karte persönlich ins Verständliche übersetzt oder zwei Leute vom Tresen aufstehen und mit Klavier und Stimme Oldies verjazzen.
Eine Empfehlung zum Abschluss: Einfach mal beim Fleischer reinspazieren und auf vier beliebige, aber unterschiedliche Würste (schmecken alle) zeigen, knapp zehn Złoty auf den Tisch legen und glücklich mit viel Wurst zum Spottpreis wieder rausgehen. Nur keine Hemmungen. Du darfst!
Mittwoch, 28. April 2010
Vier Tage Stettin, Zweiter Teil: Sehenswürdigkeiten
Neben den tausenden mit alten knienden Damen gefüllten Kirchen, von denen die St. Johannes der Täufer-Kirche die mit Abstand schönste ist (geile Kirchenfenster), erblickt der aufmerksame Rundgänger auch das alte Postgebäude, das Rote Rathaus (in Stettin, nicht Berlin), das Radisson SAS Hotel und natürlich das Schloss der Herzöge von Pommern, in dessen Innerem die Sarkophage der Herzöge rumstehen. Der zugehörige Schmuck liegt in Glasvitrinen im Nationalmuseum, Abteilung Altes, und ist immer eine Reise wert. In der Abteilung Zeitgenössisches des Nationalmuseums trifft der Besucher auf das junge moderne Polen. Hier sind in der aktuellen Ausstellung in erster Linie Cumshots einer jungen blonden Dame und Homosexuelles zu sehen. Das Schifffahrtsmuseum bietet ebenfalls sehr interessante Ansichten, der Besuch konnte jedoch zügig beendet werden, da der Bereich Schifffahrt gerade für Besucher gesperrt war. Alle Museen versprühen den Charme des Unperfekten und sind damit den ausgestellten Dingen und Kunstwerken angemessen hergerichtet. Ein alter nicht restaurierter fünfflügeliger Altar kann eben schöner und beeindruckender sein, als ein alter restaurierter dreiflügeliger Altar. Meine Meinung.
Die jüngere Geschichte lässt sich direkt im Stadtbild begutachten. Da wo heute eine Bank ihren Sitz hat, war 1970 die Zentrale der Kommunistischen Partei. Arbeiter zündeten das Gebäude damals an, als die Preise mal wieder gestiegen waren. Daraufhin wurden von dem nahegelegenen Polizeigebäude etliche Demonstrierende erschossen. Ein Denkmal in Engelsform erinnert daran.
Aussicht über die Stadt gewähren der Turm der Jakobikirche, der Turm vom Schifffahrtsmuseum, das Café 22 im 22. Stock eines Hochhauses und der Turm vom Schloss der Pommerschen Herzöge (noch bis Mai geschlossen). Insbesondere aus dem Café 22 kann mit viel gutem Willen ein städtebauliches Kuriosum erahnt werden. Führende Stettiner Astrologen glauben erkannt zu haben, dass Lage und Anordnung der Hauptplätze in Stettin “Bezug auf die Konstellation Orion und das uralte Pyramidenkomplex in Giza” nehmen.
Dienstag, 27. April 2010
Vier Tage Stettin, Erster Teil: Trauer
Vulkanbedingt nach zwei Stunden Zugfahrt in Stettin anstatt nach zweieinhalb Stunden Flug in Barcelona. 1:0 für die Naturgewalt. Aber was soll’s, wer interessiert sich schon für Modernisme und Tapas, wenn die Gelegenheit besteht, in die – laut Medienberichten – unendliche kollektive Trauer eines Landes einzutauchen.
Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel steckt in der scheinbar obligatorischen Flaggenhalterung an jedem Haus die weiß-rote Flagge mit schwarzem Band, der Fernseher in der Hotelbar zeigt die Särge auf halbem Wege zur Wawelkathedrale. Wahrscheinlich sind eine Woche lang alle Geschäfte, Museen und Restaurants geschlossen. Ein Urlaub, so reizarm wie die Norddeutsche Tiefebene, steht bevor.
Ein erster Spaziergang durch Stettin sorgt für Erleichterung. Die vielen Pärchen, die vernünftigerweise auf die Beerdigungszeremonie im Fernsehen verzichtend an der Hakenterrasse sitzen und dort bei strahlendem Sonnenschein sich selbst und den Blick auf die Westoder genießen, vermitteln nicht den Eindruck, dass die Trauer so unendlich und so kollektiv ist wie zunächst erwartet. Es sieht so aus, als ob man auch trotz der aktuellen Situation – jetzt kommt das Wortspiel, für das ich den ganzen Aufwand hier betreibe – Gaudì in Polen haben kann.

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