Je länger die Presse ihre Beißreflexe erprobt, desto solidarischer fühle ich mich mit Frau Unseld-Berkéwicz, obwohl ich wirklich nichts von ihr weiß oder wissen will. Jetzt wieder dieser Martenstein, der ja aus irgendwelchen Gründen eine gewisse Prominenz genießt. Diese Leute haben alle etwas missverstanden: Weil Suhrkamp sie über die Jahre mit den ganzen wichtigen Büchern beliefert hat, die wahrscheinlich irgendwie ihr Denken geprägt haben, meinen sie, jetzt mitreden zu dürfen. Wie Kneipenstammgäste, die den Wirt mit ihren großartigen Geschäftsideen belämmern. Und wenn es dann eine Wirtin gibt, fühlen sie sich noch großartiger und hören überhaupt nicht mehr auf. Wenn die Wirtin es wagt, ihren Tipps nicht sofort nachzukommen, endet die Allegorie leider: Anstatt sich eine andere Kneipe zu suchen, lungern sie vorm Eingang rum und krakeelen. Und all die Leute, die noch nie in der Kneipe waren, aber schon davon gehört haben, dass es nicht mehr so gut läuft, seit Siggi dichtgemacht hat und da jetzt diese komische Hexe ist, stellen sich dazu und grölen mit.
Sonntag, 10. Dezember 2006
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Freitag, 8. Dezember 2006
Pynchon verrät seine liebsten Weihnachtsgeschenke und lobt die Große Koalition in Deutschland
Mindestens genauso uninteressant, aber unvermeidbar wie die Frage, ob Mrs. Suhrkamp mit Hexen verkehrt, ist jene, was Thomas Pynchon im Moment so macht. Gerade hat er offenbar sein Schweigen gebrochen, um einen Schriftstellerkollegen gegen irgendwelche Vorwürfe zu verteidigen. Das schreit doch geradezu danach, etwas wie diese großartige Aktion auch mal für Pynchon anzusetzen. Kontodaten auf Anfrage.
Mittwoch, 29. November 2006
Euromaus mit Gestänge
Obwohl ich aus einer ländlichen Gegend stamme, hat mich die technische Seite der Landwirtschaft bisher nie richtig interessiert: Mit Bauer Rabeler über Melkmaschinen zu plaudern oder Bauer Behr über die Kapazität seiner Rübenhäckselmaschine auszufragen, gehörte nie zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Schade eigentlich, denn dank des Technik-und-Motor-Teils der FAZ (seit einem langweiligen Dienstag vor einiger Zeit meine Lieblingslektüre) kenne ich mittlerweile einige Sätze, die bestimmt Eindruck geschunden hätten: “Lademaschinen wie der von Ropa gebaute selbstfahrende Reinigungslader “Euromaus” schaffen bis zu 350 Tonnen Zuckerrüben in der Stunde, was für den reibungslosen Abtransport das Vorhandensein einer ganzen Flotte fünfachsiger Gliederzüge voraussetzt”, hätte ich etwa, lässig an einen Schweinestall gelehnt, von mir geben können, um gleich darauf den wahrscheinlich nicht FAZ-lesenden Landwirt mit einem flotten Themenwechsel verblüffen zu können: “Rasches Gülleansaugen über entsprechend dimensionierte Saugarme ist für den wirtschaftlichen Gülleabtransport ebenso von Bedeutung wie das Vorhandensein eines auf bis zu 24 Meter ausgelegten Schleppschlauchgestänges für das präzise und zügige Gülleausbringen,” hätte ich zu Bedenken gegeben, während mein Blick über den Bauernhof geschweift wäre, um das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines solchen Gestänges feststellen zu können. Leider ist es nun zu spät, denn wie jedem Bauern und auch der FAZ bekannt ist, “gilt, daß der Umgang mit Gülle zu einer Angelegenheit von Spezialisten geworden ist.” Und was solche Güllespezialisten miteinander reden, bleibt dem letztlich doch Fachfremden opak, um – neben Schleppschlauchgestänge – ein weiteres Lieblingswort zu benutzen.
Dienstag, 14. November 2006
Kurzbesprechung des Langgedichts
Es ist schon ein ziemlich sympathischer Plan, nicht nur den Ist-Zustand der Welt, sondern auch deren gesamte Geschichte von den Sumerern und Ägyptern über die Antike bis in die Zukunft hinein zu schildern und dabei nicht nur die wesentlichen Weltreligionen, sondern auch diverse romantisch-esoterische Strömungen nach 1.200 Seiten in eine Riesensynthese zu überführen – in Versform, natürlich. Schon 1910, als die Erstausgabe von Däublers Nordlicht erschien, dürfte das den Zeitgenossen ziemlich größenwahnsinnig vorgekommen sein, weshalb sie sich entschieden, das Werk mit Nichtachtung zu strafen. Dass das ein Fehler war, liegt weniger am philosophischen Gehalt dieses Riesengedichts (obwohl der auch ganz toll sein könnte – soweit bin ich noch nicht), auch nicht daran, dass Däubler aussah wie Christoph Marthaler, sondern schlicht an seiner Fähigkeit, zwischen ziemlich viele unverständliche kosmogonische Verse immer wieder wunderbare, beinahe konventionelle Lyrik einzuschmuggeln:
Das Wasser scheint vom Lande eingesogen,
Es reift ein Nachmittag auf dem Moraste,
Von Purpurfurchen ist der Sumpf durchzogen,
Die Segel hängen schlaff von ihrem Maste,
In Trägheit eingemuschelte Gestade
Umstarrt die See gleich einem Prachtachate,
Die Thürme aber glühn in einem Ätherbade,
Es ist, als ob ihnen ein Lichtgott nahte.
Der Wind, der rothe Barken froh geschaukelt,
Erlaubt den Booten jetzt am Strand zu schlafen,
Die Masten sind von Goldträumen umgaukelt
Und glattes Wasser ebbt um jeden Hafen.
-Theodor Däubler. Das Nordlicht. Kritische Ausgabe, Bd. 6.1. Hrsg. v. S. Nienhaus u. D. Werner. Dresden 2004, S. 65.
Sonntag, 12. November 2006
Editorische Notiz
Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski ist neu aufgelegt worden. Wäre ich größenwahnsinnig, würde ich dies auf einen Verlagsbrief zurückführen, in dem ich vor einigen Jahren die Nichterhältlichkeit dieses Buches bitter beklagte. Wäre ich bei allem Größenwahn ein wenig realistisch, müsste ich einsehen, dass die Neuauflage bei Schöffling erscheint und nicht beim seinerzeit angeschriebenen Piper-Verlag. Wäre ich bei allem Realismus doch noch ziemlich größenwahnsinnig, würde ich annehmen, der Piper-Verlag habe sich aus Scham über das von mir monierte Versäumnis umbenannt. Wie dem auch sei. Hier handelt es sich um ein Buch, das man gelesen haben muss. Ernsthaft.
Montag, 23. Oktober 2006
Küchenlinguistik
Das Showgeschäft steht am Abgrund einer beschämenden Zickenkrieg-Apokalypse. So heißt es nicht in der Offenbarung des Johannes, sondern in der von Inga Grömminger, die wahrscheinlich “Journalistin” auf ihrer Visitenkarte stehen hat. Nun ist es ja so, dass Worte für gewöhnlich auf etwas verweisen, was man salopp “Inhalt” nennen könnte. Dieses Verweisungsverhältnis ist arbiträr, aber durch die sprachliche Konvention festgelegt. Fordert man diese Konvention heraus, etwa durch Wortneuschöpfungen, kann das schreiberischen Fame geben, sofern von der Leserschaft trotzdem noch eine Verbindung zwischen unbekanntem Wort und intendiertem Inhalt hergestellt werden kann.° Gelingt dies nicht°°, muss Frau Grömminger wohl in irgendeine BZ-Redaktionskasse einzahlen. Besteht schließlich, wie bei der erwähnten Apokalypse, zwischen Wort und Inhalt überhaupt keine Beziehung°°°, sodass völlig schleierhaft bleibt, was uns die BZ mitteilen will, gibt es zur Strafe ein Linguistik-Posting: Voilà.
° Beispiel: Das Verb “nattern” im selben Artikel. Allerdings sind die echten Nattern ungiftig, sodass die Nick wohl eher “trugnattern“ würde.
°° Beispiel: Das Adjektiv “untergürtellineal”, ebenfalls im selben Artikel. Hier denkt man zunächst an Gerätschaften für Mathe-Nerds und muss sich mühsam auf Leandros & Co. zurückbesinnen.
°°° Weiteres Beispiel: Das “Journalistin” auf Frau Grömmingers Visitenkarte.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Hausgemachte Probleme
Eine schönere Formulierung als die folgende habe ich bisher in keiner Analyse des desolaten Zustands des HSV gelesen:
In einem zähen Verhandlungskampf verjagten Beiersdorfer und Hoffmann zudem den erfahrenen und spielstarken Stürmer Sergej Barbarez.
Die im weiteren Verlauf geäußerte Hoffnung sollte sich jedoch nicht erfüllen:
Vielleicht schaffen die Hamburger gegen die Portugiesen die Wende.
Montag, 9. Oktober 2006
Neues Tittenblatt
Also manchmal nimmt der linksakademische Diskurs schon seltsame Formen an. Nicht, dass ich verklemmt wäre. Aber wie schafft es der verdammte Bazon Brock, immer seinen Senf beizusteuern? Der Mensch muss eine Senffabrik besitzen.
PS. Auch sehr guter Titel: Nicole Stratmann: “Der Selbstfesselungskünstler – Bazon Brock. Einführung in eine Ästhetik des Unterlassens”. VDG Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar 1995. Man wünschte sich wirklich, der so Gewürdigte unterließe mal so einiges.
Dienstag, 26. September 2006
Der Unterschied zwischen guter und schlechter Science Fiction
Schlechte Science Fiction:
Die Außerirdischen sind in Berlin gelandet. Wowereit bleibt Bürgermeister; Sarazin Finanzsenator; Rest geht an die Aliens. Antwort der Aliens auf die Frage nach der Dauer der Amtsperiode:«200 Lichtjahre.«
Gute Science Fiction:
Die Außerirdischen sind in Berlin gelandet. Sie ernähren sich ausschließlich von Hundekot. In nur drei Tagen war Berlin abgegrast. Die Aliens sind daraufhin wieder in die Heimat. Die Hunde haben sie gleich mitgenommen. Begründung der Aliens:«Schluß mit dem Nomadentum.«
Mittwoch, 20. September 2006
TAFKAS
Das ist doch ein Witz, oder? Oder sollte wieder einmal die geballte Macht der Copyrightmafia eine Existenz zerstört haben?
Samstag, 16. September 2006
Essen, sozusagen serielles
“Beim lauwarmen Confit vom Kabeljau mit Tatar von Austern und Staudensellerie, gerösteten Kräutersaitlingen und Steinpilzcreme sollte man auf die Gewohnheit, bestimmte Elemente eines Gerichtes zu einem Akkord zusammenzustellen, verzichten. Durch die hier ausgeprägt wirksame Funktion des ‘Gewürzraumes’ (des Nachhalls von Aromen im Mund) ergeben sich beim sozusagen seriellen Essen immer neue Zusammenhänge.”
Ich bekenne, dass heute morgen beim Zeitungskauf einzig die Überlegung, sonst den Dollase zu verpassen, den Ausschlag für die FAZ gegeben hat. Warum schreibt der Mann nicht mal einen Roman? Nur die für einen Ex-Musiker überraschende Unbeholfenheit beim Hantieren mit Musik-Metaphern irritierte, ach was, verstörte mich beim seriellen Essen von Croissant und Müsli:
“Bei Kreationen dieser Art liegt die Schwierigkeit vor allem in der minutiösen Steuerung der Proportionen, durchaus vergleichbar dem Orchesterklang eines im Tutti gehaltenen Akkordes: Je nach Lage der Dinge könnte es als sehr störend empfunden werden, wenn etwa die Quinten durch falsche Instrumentierung (durch den Komponisten oder Dirigenten, also den Koch) oder undiszipliniertes Soiel (des Orchesters, also der Küchenmannschaft) zu kräftig wären und die Akkordwirkung beeinträchtigten.”
Wahrscheinlich kennt er nur serielle Musik, höhö.
Freitag, 15. September 2006
ten steps that shook the world
Hoppla, der neue Danielewski ist da. Angeblich soll er das Experimentelle seines Vorgängers , der hiermit allen AUF DAS ENTSCHIEDENSTE empfohlen sein soll, noch “zehn Schritte weiterführen”, so zumindest amazon.com. Wo man dann landet, ist angesichts des ja bereits mit allen postmodernen Wassern gewaschenen “House of Leaves” etwas unklar (das hier zu findende Bild lässt Böses ahnen), aber trotzdem ist die Freude groß. Vielleicht gibts den Danielewski ja doch in echt (Thomas Pynchon hat ja demnächst ein eigenes Buch am Start).
Dienstag, 12. September 2006
Trends
IN: Sein
OUT: Schein
So heute die BZ.
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