Zeitungszeugen: Wenn wir von dem idiotischen Titel einmal absehen, eine hervorragende Idee. Historische Zeitungen verraten zwar keine Fakten, die man nicht anderswo besser nachlesen könnte, aber durch ihre kunterbunte Zusammenstellung (Schlagzeilen – Lokalteil – Werbung – Wetter – Kleinanzeigen – Reportage) erreichen sie ganz von selbst eine polyperspektivische, unhierarchische Sichtweise, die man sich in der Geisteswissenschaft erst mal erarbeiten musste. Wobei normalerweise nicht immer die Zeit und Motivation da ist, sich derlei Dokumente zu verschaffen (und wer schon einmal in einer Bibliothek den “Völkischen Beobachter” bestellt hat, weiß, dass es da zusätzlich eine gewisse Schwelle zu überschreiten gibt, die am Kiosk wegfällt). Also jekauft dit Ding. Und in der U-Bahn die “Reichsausgabe” der “Deutschen Allgemeinen Zeitung” vom 31. Januar 1933 gelesen, was einem spezielle Blicke einträgt, aber die Bereitschaft, so eine Reihe zu abonnieren, erstmal nicht schmälert. Dann aber die Ummantelung des Ganzen: Eine Katastrophe. Dass man Zeitungen wie “Der Angriff” mit Leitartikel des Herausgebers Dr. Goebbels nicht unkommentiert lassen kann, ist ja klar. Allerdings besteht der Kommentar aus einigen läppischen Seiten, die, wenn nicht “Prof. Dr. Wolfgang Benz” drunterstehen würde, ebensogut aus einem Schulbuch für die 5. Klasse hätten kommen können. Desweiteren haben wir eine Einführung in die Fraktur (was sicher richtig ist), die bei der Transkription eines kurzen Beispieltextes zwei Fehler macht. Wir haben eine Zeitungsauswahl, die (durch die Hereinnahme einer kommunistischen, einer Nazi- und einer Dazwischenzeitung) Ausgewogenheit suggeriert, als Zeitung der Mitte aber die schon erwähnte, sehr rechte “D.A.Z.” nimmt. Wir haben als Extra dieses Poster, das angesichts der thematischen Ausrichtung der Reihe für die nächsten Ausgaben faschistische Plakate erwarten lässt. Muss ich mir die dann alle aufhängen? Wir haben ein Abomodell (Vergünstigungen bei Abschluss bis zum 31. Januar), das haargenau dem Nazi-“Angriff” entnommen ist. Und wir haben einige Thesen zur Geschichtphilosophie, die für die erwünschte Diskussion Böses erahnen lassen:
Ich finde es wichtig, den Menschen die Geschichte des Landes nahe zu bringen und sie lebendig zu halten. Deshalb finde ich das Projekt sehr gut und hoffe, dass es alle Generationen erreicht.
sagt zum Beispiel
Michael Stich, der gewohnt kontrovers argumentierende
Citoyen erster Güte. Auch der mir persönlich unbekannte
Björn Casapietra hat sich so seine Gedanken gemacht:
Geschichte ist wie Musik: Man muss sie erleben können, um sie zu begreifen. Zeitungszeugen macht deutsche Geschichte hautnah nachvollziehbar – ein wertvolles Projekt.
Geschichte ist wie Musik – das gibt dem Zeitungszeugen-Lesen in der U-Bahn, das vielen die iPod-Berieselung ersetzen wird, natürlich eine ganz andere
Note.
Ich werde den Schwachsinn wohl leider weiterhin kaufen. Aber die “Zeitungszeugen”, die von durchaus namhaften Historikern unterstützt werden, lassen mich von meiner bisherigen Überzeugung Abstand nehmen, eine wissenschaftlich kommentierte, frei verkäufliche Ausgabe von “Mein Kampf” sei eine gute Sache. Der nächste, nein, nicht Hitler, der nächste
Moritz Fürste kommt bestimmt. Und er wird etwas ähnliches sagen, wie es der “Hockey Champion” schon jetzt gesagt hat:
Ich finde, es ist eine innovative und interessante Idee. Gut zu lesen und anschaulich aufbereitet.
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