Mein Bruder hat unter dem Namen electroHippie ‘ne CD gemacht und ich bin überrascht. Seit 100 Jahren muss ich als Testhörer für seine neuen Lieder herhalten und seit 100 Jahren lautet meine Kritik gleich. Ob nicht eine kleine Melodie hier und eine Klangfläche dort das ganze Geklapper und Geschäpper gut zusammenhalten und abrunden könnten. Aber: Vergebliche Liebesmüh, Perlen vor die Säue. Bisher.
Auf seinem Erstlingswerk Minnesangh3.0 klingt das alles nun ganz anders. Als ob meine Kritik irgendwie in Gottes Ohr gelangt, innerhalb von Gott veredelt und zu guter letzt über Gottes Mund ins künstlerische Schaffen meines Bruders eingehaucht worden wäre. Oder kürzer: Gut ist es geworden. Vielleicht sollte ich meinen Einfluss auf Gott, meinen Bruder und sein Album aber auch nicht überschätzen. Schließlich durfte ich bis auf ein Stück nichts testhören und kritisieren.
Gleich das erste Stück Support your local elephantCombat lässt mich über seine rüsseltierartigen Trompetenklänge eine Brücke zur namensgebenden Crust-Band Electro Hippies schlagen, die mit The Horns Of Hades auch ein Trötenstück im Repertoire hatten. Während The Horns Of Hades vier Sekunden dauert und damit immerhin vier mal so lang ist wie Mega-Armageddondeath Pt.3 von der halbwegs legendären Split-Single mit Napalm Death, zieht mein Bruder es vor, seinen Stücken zwischen vier und sechs Minuten Zeit mit auf den Weg zu geben. Das ist bei den guten Liedern auch wunderbar, beim Langeweiler des Albums Herr Stefan und sein Stift wären mir auch vier Sekunden schon zu viel gewesen.
Sobald gesangsartiges Sprechen ins Spiel kommt, wird es spooky und erinnert mich zu 25% an Witch House à la Aural Sects. Das zweite Stück knochenTrocken mit den immer wiederkehrenden “Hunger! Folter! Gift!”-Ausrufen gefällt mir ausgezeichnet, der Zugang zum Schimmelreiter blieb mir dagegen bisher verschlossen.
Der Sound spielt aufgrund der technischen Ausstattung nicht in einer Liga mit aktuellen Pitbull-Produktionen. Aber erstens ist das nichts, was man unbedingt wollen muss, und zweitens ist Lo-Fi kein Schimpfwort. Insbesondere dem letzten Stück des Albums und meinem persönlichen Favoriten SchöneNeueWelt steht das Keksdosenhafte im Klang sehr gut zu Gesicht:
Den zugeneigten Lesern und Hörern sei abschließend verraten: Zu kaufen gibt es die CD im gut sortierten Online-Fachhandel ausschließlich als Download. Und weil ich so lange für diesen Artikel gebraucht habe, kann ich noch eine exklusive Information hinterherschieben: Das Nachfolgewerk steht bereits in den Startlöchern. Es soll noch besser sein.

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