Freitag, 18. März 2011
Kein guter Frühling für OBI
Mittwoch, 9. März 2011
Alaaf
Ist heute dieser Tag, wo man sich in gewissen Gegenden lustig verkleidet? Ich weiß es nicht, aber es gehört keine große Kenntnis der Karnevalskultur dazu, um zu erkennen, dass das ältere Ehepaar, das sich heute clownsmäßig geschminkt in der Preußischen Staatsbibliothek einfand, an diesem nüchternsten Ort der Welt reichlich fehl am Platze war. Die aufgebaute Spannung entlud sich dann in einem öffentlich ausgetragenen Ehestreit, dessen Lautstärke aber nicht dazu angetan war, den Ausdruck der Verachtung auf den Gesichtern der sonstigen Nutzer zu mildern.
Montag, 7. März 2011
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Wenn man (GOtt sey’s geklagt!) Tag für Tag mit von Feiglingen verfasster und daher einigermaßen thesenloser Literatur zu tun hat, muss jede Abweichung vom Prinzip der Vorsicht und Augewogenheit als attraktiv erscheinen, unabhängig von ihrer sachlichen Rechtfertigung. Deswegen ernenne ich nachträglich zum Buchtitel des Jahres 1834:
Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?
Gegen Ersteres und für Letzteres
von Ludolf Wienbarg.
Mittwoch, 23. Februar 2011
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Völlig zu Recht fragt Deutschland derzeit vor allem nach den wirtschaftlichen Auswirkungen der in Nordafrika ablaufenden Revolutionen: Wenn die Libyer sich gegenseitig abschlachten, wer wird dann mein Super Plus produzieren? Soll ich jetzt nach Ägypten fahren, oder wird es noch billiger? Bisher weitgehend unbeachtet blieb der Preisverfall einer Ware, nach der in Ägypten, Libyen und Tunesien offenbar keine große Nachfrage mehr herrscht und die deswegen jetzt verramscht wird:

Der Dachverband Deutscher Heteronomiehersteller war für eine Stellungnahme bisher nicht zu erreichen. Man munkelt, er habe die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr recht in der Hand.
Donnerstag, 17. Februar 2011
Herrn Pastorensohn sien Peer
Ló and behold: Es ist eigentlich kaum zu glauben, aber für das neueste, tendenziell merkwürdige Werk des großen Béla Tarr gibt es tatsächlich noch Karten. Vielleicht wissen die zuhausebleibenden Leute mehr als ich, aber vorerst möchte ich das doch allen Berlinerinnen und Berlinern ans tierfreundliche Herz legen.
Sonntag, 30. Januar 2011
Dies und das
Ich bin krank und da handelt man ja manchmal verrückt. So schleppte ich mich im erkältungsbedingten Tran zum nächsten Elektronikgroßmarkt meines Misstrauens und machte etwas, was ich seit bestimmt zehn Jahren nicht gemacht habe: Ich kaufte eine aktuelle CD (Definition: eine CD ist aktuell, wenn es sich nicht um ein Reissue eines Jazz-Klassikers aus den Sechzigern für 5,99 handelt), deren Existenz mir zudem durch den Kulturteil der Tageszeitung bekannt gemacht wurde: Gang of Four, Content (nicht die Special-Deluxe-Edition, weil ich zum Zeitpunkt des Kaufs noch nicht wusste, dass diese “ein Kunstbuch enthält, in dem Jon und Andy auf Keramikkacheln die letzten 40 Jahre des Weltgeschehens abbilden”). Schon auf dem Rückweg (auch so eine fast vergessene Sache: Im Bus die Plastikhülle um die CD aufreißen in der vergeblichen Hoffnung, im Booklet etwas Unterhaltendes zu finden) musste ich feststellen, dass ich auf diese Weise einen mir unsympathischen Herrn finanziert habe, und das, obwohl dieser nach eigener Ansicht bereits die Popkultur Europas dominiert. Sowas.
Leider ist die Platte nicht besonders: Davon einmal abgesehen, dass “Rock” (Definition: weiße, aufrechte Männer versuchen mit Gitarrebassschlagzeug und Gesang Intensität und Authentizität zu erzeugen) vielleicht auch seine besten Zeiten hinter sich hat, war an Gang of Four doch mal der extrem sparsame Einsatz von Instrumenten gut: Wenn zu den keineswegs raumfüllenden Standardgerätschaften noch so ein tutendes Etwas dazukam, hatte man schon den Eindruck von barocker Opulenz, und wenn in einem einzigen Song zusätzlich ein Saxophon tutete, war man den Tränen nahe. Hier kracht und scheppert es ununterbrochen, und auch wenn das alles “kristallklar”, “schneidend”, “spröde” oder [hier ein weiteres Musikjournalistenwort einsetzen] produziert ist, klingt es doch verdächtig nach den von Daniel Lanois produzierten U2-Alben. Kulturindustrie, mit anderen Worten. Überhaupt ein Wort, das man mal wieder häufiger verwenden sollte. Was also tun? Hier kommt eine Technik zum Einsatz, die ich ebenfalls seit langem nicht mehr einsetzen musste: Immer wieder hören, irgendwann gewöhnt man sich dran und findet das (ja immerhin nun einmal vorhandene) Produkt dann doch irgendwie ganz gut.
Ähnlich scheint derzeit die EU mit Weißrussland zu verfahren. Wenn dieser gut informierte Herr hier recht hat, wird sich Europa nicht zu ökonomischen Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime durchringen können, nachdem dieses den Präsidentschaftskandidaten Nekljajew und die Journalistin Chalip aus der Haft entlassen hat. Dass das etwas anderes ist als “freilassen”, zeigt u.a. dieses Video (unten auf der Seite, embedden klappt nicht).
Nekljajew und Chalip werden in Zukunft ihre Wohnungen mit KGB-Beamten teilen, die für sie ans Telefon gehen, den Kontakt mit der Außenwelt unterbinden und generell ein Auge darauf haben werden, was sie so machen. Chalips Ehemann, der Präsidentschaftskandidat Andrej Sannikow, ist nach wie vor in Haft, ebenso über 50 weitere im Zusammenhang mit den Protesten vom 19. Dezember Verhaftete.
Wer mehr wissen will, kann sich diese Anhörung im US-Senat reinziehen. Ab Minute 86 spricht Natalja Koljada, Gründerin des “Freien Theaters Belarus”, und fasst eigentlich alles ganz gut zusammen. Es ist immer ausgesprochen beeindruckend, die dann doch zahlreichen weißrussischen Oppositionellen zu sehen und zu hören, die trotz des unglaublichen Ausmaßes an Repression nicht aufgeben und denen die EU gerade in den Rücken fällt.
Eigentlich ist es ziemlicher Unsinn, diese beiden völlig unzusammenhängenden Themen in einen Eintrag zu packen. Aber wie gesagt, ich bin krank, da macht man manchmal merkwürdige Dinge.
Sonntag, 19. Dezember 2010
Frontidylle
Einige der Soldaten räkeln sich, MP3-Player-Stöpsel im Ohr, mit freiem Oberkörper oder im Muskelshirt – auf das Tragen von Rangabzeichen legt hier niemand gesteigerten Wert – in kaputten Plastikstühlen. Sie spielen Karten, lesen Sarrazin, den “Spiegel” oder “Landser”.
(aus einer Unsere-Jungs-Reportage von Michael Schmidt im heutigen Tagesspiegel. Ob’s den Sarrazin schon als Feldpostausgabe gibt?)
Mittwoch, 15. Dezember 2010
Züge
Wie fantastisch ist das denn bitte.
[via]
Sonntag, 28. November 2010
Season's Greetings
Wenn diese Zeilen in die Welt wandern, schlägt eine verlorene Menschheit wieder die tollsten Purzelbäume ihrer Verlogenheit: das Rührspiel “Friede auf Erden” beginnt, wenn diese Zeilen in die Welt wandern. Kreaturen, die heute noch das Sauf- und Rauflied “Die Wacht am Rhein” gröhlen, Subjekte, die heute noch den Armen den letzten Groschen erpressen, hyänische Zweifüssler, die aus Kulturschutt und Leichen Profit zu kratzen vermögen, – sie alle werden wieder das Rührspiel mitmimen, ein fettiges Blinzeln in den verquollenen Augen, die Wurstfinger über dem wichtigsten Körperteil gefaltet, werden sie an den Christbaum treten, und aufreizend wohlbehaglich wird es dann dröhnen: Fro-oie-e, frooije dich, o Christenheit…Sie haben die Tanne pomphaft mit glitzerndem Zierat behängt, harmlose Engelein blasen die frohe Botschaft, Flittersterne spiegeln Frieden in den stimmungsdicken Kerzenschein: aber das zarte Märchen zerbricht am brutalen Sein. Nirgendwann tritt die Seelenarmut dieser Menschheit so krass hervor, wie dann, wenn die Gefühlsschminke besonders stark auf den Larven liegt. Hätte diese Gesellschaft nicht ihr unerhört harthäutiges Gewissen, sie würde unter dem Weihnachtsbaum, wo Sein und Schein katastrophal aufeinanderprallen, aus Reue eine anständige Tat tun: sie würde, entsetzt über ihre unheilbare Verkommenheit, sorgsam Selbstmord begehen.
Das bringt sie nicht fertig. Diese Gesellschaft ist nicht so moralisch. So sollte sie aber wenigstens ehrlich unmoralisch sein. Sie sollte, schon um das Gewissen nicht zwecklos zu strapazieren, ihre Feste benutzen, um den Alltag zu verherrlichen, um das Raubtierdasein bewusst zu rechtfertigen, aber nicht um es für einige Stunden umzulügen, zu verraten! Eine Gesellschaft von dieser Aufrichtigkeit würde möglicherweise selbst das Weihnachtsfest beibehalten, aber würde nicht so roh sein, es zu verhöhnen, sondern es artig neu formen.
Denn sie muss sich besser fühlen, diese Gesellschaft, wenn sie am Christbaum lichtverklärt ihre wahren Ideale erblickt. Eine Tanne mag dastehen, aber sie darf nicht Friedensstimmung bedeuten, sondern Hass, Gier, Krieg. Von den Zweigen tropft roter Schnee, – das Blut der von der Gesellschaft Zerquälten; die Walnüsse sind kleine bleiche Köpfe bettelnder Proletarierkinder; Wachsfiguren, im Namen des Völkerrechts erschossene Soldaten darstellend, baumeln neben niedlichen Guillotinchen; famose Geldschrankattrappen sind neben zierlichen vergoldeten Zuchthausfenstern arrangiert; ein lachendes Gewirr von Lanzen, Schwertern, Bajonetten, Kanonen vervollständigt die Pracht, die oben, über allem, durch ein Helmspitze würdig gekrönt ist.
Und dann nichts von Christenheit! Der krächzende Sänger fühlt sich bei diesen Gesängen schlecht, und die Religion wird degradiert zur Saisonmode. Legt dem Phonographen eine Walze auf, dass er die “Lustige Witwe” kreischt. Ihr werdet euch köstlich amüsieren…
Franz Pfemfert: Christbaumschmuck. In: Die Aktion 2 (1912), Sp. 1637-1639.
Freitag, 26. November 2010
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Erst Marco W. oderwieerhieß, jetzt der Killer von Bodenburg: Wie’s aussieht, ist Jung-Uelzen reichlich desorientiert. Wenn jetzt noch jemand nachweisen würde, dass das alles am Hundertwasser-Bahnhof liegt, dann könnte man aus der Sache richtig was lernen.
Dienstag, 23. November 2010
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Montag, 22. November 2010
Aus der Reihe "Religiöse Kekse"
Schmecken gut.
Freitag, 19. November 2010
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Irgendwo, ich weiß nicht mehr wo, habe ich neulich einen Artikel über die Wahl der hessischen Ausländerbeiräte gelesen, in dem sich über die geringe Wahlbeteiligung mokiert wurde: Da gibt man, so der indignierte Unterton, den Ausländern schon freundlicherweise die Möglichkeit, ein (politisch wenig bedeutungsvolles) Gremium zu bestimmen, das dann “Empfehlungen” aussprechen darf, an die niemand gebunden ist, und dann machenses nich. Vermutlich wird auch irgendwo von irgendwem der perfide Konnex “mangelnde Wahlbeteiligung – mangelnde Integrationsbereitschaft” hergestellt. Dabei muss man eigentlich nur einen Blick auf die Wahlankündigung werfen, um zu sehen, warum 91,8 % der Wahlberechtigten den Weg in die Kabine gescheut haben:
Donnerstag, 4. November 2010
In der Existentialistenkneipe
Für alle, die glauben, jugendliche Subkulturen müssten unbedingt Spaß machen.
[via]
Mittwoch, 3. November 2010
Land zwischen Polen und Russland (3): Das farbenprächtige Plakat
Und bröckelt mit der kalten Stadt im Monde;
Wenn Logik nicht im ethischen Konnex,
Nein, kategorisch wuchtet; Mangel an Aufschwung
Bejahung stänkert; Klammerung an Zahlen,
(Zumal wenn teilbar), Einbeinung in den Gang
Nach Krankenhaus, Fabrik, Registratur
Im Knie zu Hausbesitzverein; Geschlechtsbejahung,
Fortpflanzung, staatlichem Gemeinsystem
Ingrimmige Bekehrung, – Tröstet den Trambahngast
Allein das farbenprächtige Plakat.
Gottfried Benn
Obwohl es in diesem Hause gute Tradition ist, mit dem letzten Teil von Reiseberichten etwas zu warten, will ich meinen doch mal zu Ende schreiben, bevor mir Guido Westerwelle zuvorkommt.
Das weißrussische Plakat also. In seiner klassischen Form ist es eigentlich gar kein Plakat, weil der zu vermittelnde Inhalt es rechtfertigt, dauerhaftere Trägermaterialien zu verwenden:
Natürlich gibt es auch im heutigen weißrussischen Staat noch Ewigkeitswerte, wenn auch (das ist angesichts der ungemein schrecklichen Geschichte dieses Landes verständlich) weniger festliche, die außerdem in leicht bedrohlicher Weise ins Bild gesetzt werden:
Irgendwann kam dann hinsichtlich der Heldentaten des Volkes trotzdem Verwirrung auf: Welches Volk ist denn überhaupt gemeint? Das sowjetische, das russische, das weißrussische? Wohl schon in Anerkennung der Tatsache, dass die Antwort auf diese Frage historischen Veränderungen unterworfen ist, wich man hier auf leicht auszutauschende Plakate aus. Die dafür notwendigen Halterungen waren vorhanden, vielleicht weil Weißrussland in den frühen 90er Jahren deutlich westlicher orientiert war als heute und damals mehr Werbung gezeigt wurde.
Ich weiß nicht, wer diese Herrschaften sind; warum sie mir ihre Nationalität zurufen, kann man sich vorstellen. Idealerweise sollte beim Betrachter folgender Eindruck entstehen:
Spätestens hier wird deutlich, dass diese лозунги im Gegensatz zu ihrem steinernen Vorbild nicht mehr über eine qua Medium gegebene Bedeutsamkeit verfügen: Sie müssen sich ihre Aufmerksamkeit erkämpfen, und das Ausrufezeichen wird zur Pflicht (s.a.). Wichtig ist natürlich, dass bei soviel nation-building der Spaß nicht zu kurz kommt. Gottseidank hat sich auch bei den zuständigen Stellen die Erkenntnis durchgesetzt, dass pädagogischer Wert und Humor einander nicht ausschließen müssen.
Übrigens spiegelt sich in diesem Plakat die “Национальная Школа Красоты” – die “Nationale Schule der Schönheit”. Die wäre mir einen eigenen Eintrag wert, wenn ich wüsste, worum es sich dabei handelt. So muss sie hier mit rein.
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