Interessante Zustände bei den Jungunionisten in Rüttgers-Land:
Samstag, 18. November 2006
Pack schlägt sich
Mal was anderes

Neulich bin ich beim Mittelstand gewesen, denn er hatte eingeladen: Jan Hofer, Friedrich Merz und weitere Prominenz. Und auch ich durfte kommen, durfte bleiben und sogar mitschreiben. Das fand ich nett, denn was die Anwesenden zu erzählen hatten, war von keiner großen Freundlichkeit für mich und meinesgleichen Lohnabhängige. Freundlicher war man aber zur Kunst, zur “Gemeinschaftskunst”, wie es der Vertreter der Commerzbank nannte. Prominent stellte man sie in den Bühnenhintergrund, fünf Schauspieler gaben dann typische Vertreter von Mittelstand, Politik und uneinsichtigem Volk. Da gab es zum Beispiel einen Lackfabrikanten, der einer unbekannte schöne Kunststudentin im Museum zu einem Praktikum in seinem Betrieb verhilft, den verbitterten Aufsteiger-Stahlproduzenten, dem der bodenständige Mittelständler rät, doch ein wenig in die Bildung der Belegschaft zu investieren und die visionäre Juristin, die sich über das “Konsensgequatsche” aufregt.
Auch die Beiträge der Podiumsdiskussion konnten diese Biederkeit nicht abwechslungsreicher gestalten: zu schwerer Sozialballast, zu geringe Lohnspreizung nach unten, Geiselhaft der Gewerkschaften, mangelnde Bildung, demographische Herausforderung and the blahblahblah. Nach kontroversem Einvernehmen kam dann “Günna”, machte einen Spruch, dass mit Mineralwasser ja nix aus dem Mittelstand werden könne, der Veltins-Vertreter auf dem Nachbarsitz krümmte sich vor Lachen und als man ausgelacht hatte, begab man sich nivelliert ans Buffet, ich aber an die Pommesbude.
Montag, 30. Oktober 2006
Gutes tun und Gutes lesen
Nachdem meine Redakteurskollegen (Frauenquote, anybody?) ja bereits härteste Selektionsmechanismen für abonnierunwillige Jungle World-LeserInnen in Erwägung gezogen haben, möchte ich gerne an die Fantasie der Leserschaft apellieren. Was besonders für ein Abonnement der erwähnten Berliner Publikation spricht, ist ihre Bildauswahl. Wenn Sie also bitte so freundlich sein würden, sich zu diesem Artikel einmal diese Bilder vorzustellen, um zu sehen, was Sie allwöchentlich verpassen? Danke! Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt zum großen Glück beim mittwochlichen Briefkastengang.
Standortbestimmung
Sich über die Aidswaisen von Malawi lustig zu machen, ist eine Pointe, die unterhalb selbst meines Niveaus liegt. Ein klarer Vorteil für Gehässige scheint mir demnach, wenn jemand anders den Müll runterbringt.
Angeboten hat sich in diesem Fall der Lions-Club Arnsberg-Sundern. Um den armen Aidswaisen und ihren Familien einmal Gutes widerfahren zu lassen, veranstaltete dieser eine Unterschriftensammlung gegen Medikamenten-Patente und spendete AIDS-Präperate und Kondome ein Benefizkonzert. “180 SchülerInnen und Schüler”, davon rein statistisch gesehen 0,15 selbst mit dem HI-Virus infiziert, “begeisterten das Publikum mit einem umfangreichen Programm aus modernen und klassischen Stücken, sowie Tanz und Musicaleinlagen”, wie meine Kollegin Delia Kämmerer, bei der ich gerade nicht sicher bin, ob sie mit Egon Kämmerer, der die Verantwortung für die Website des Lions-Club trägt, verwandt ist, in der heutigen WR schreibt.
Ist aber auch nicht so wichtig, auf das Konzert einer Queen-Coverband mit anschließender Derek Jarman-Retrospektive hätte ich mich ja sofort eingelassen, der Gedanke an 180 GymnasiastInnen, die Mama und Papa beweisen müssen, dass ihnen neben der neuen Jeans auch andere Menschen nicht am Arsch vorbeigehen, wirft eigentlich nur die Frage auf, ob sie denn bitte auch “Let the sunshine in” zum Besten gaben, davon gibt es in Malawi nämlich auch nicht genug.
Der investigative Journalismus weiß dafür andere interessante Dinge zu berichten: “Selbstverständlich sei es dabei auch, dass jegliche Einnahmen (...) für die Hilfe in Malawi verwendet werden”, so angeblich der Vorsitzende des Lions-Clubs. Besonders schlecht kann es also um die Verbreitung von Fremdwörterbüchern nicht bestellt sein, wenn die Organisatoren immerhin noch in der Lage sind, die Bedeutung von “Benefiz” nachzuschlagen.
Bürgermeister Vogel, der in Ermangelung eines Tocotronic-Konzertes den Samstagabend wohl im Sauerland-Theater verbringen musste, fand selbstverständlich ebenfalls lobende Worte: “Am heutigen Abend wurden Arnsbergs Kinder zu Botschaftern für unsere Stadt.” Ihre Botschaft: Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.
Montag, 16. Oktober 2006
Modernisierung um jeden Preis
Der Zukunft zugewandte Stalinisten legten ja dereinst einen großen Teil ihrer sprichwörtlichen Hoffnung in ein Bergsteigerinstrument. Nun ist dieses zeitgleich mit dem Stalinismus durch ein Fibercarbonat-Produkt ersetzt worden, so dass ich gerne folgende Frage beantwortet hätte. Welcher Mittel bedarf es, um dem großen Sauerländer Franz Müntefering ihm seine eigene Dummheit angemessen zu würdigen?
Persönlich würde ich Einzelhaft in der Mescheder Klosterabtei, Zwangslektüre und Dauerbeschallung mit “Glück Auf, der Steiger kommt” vorschlagen.
Sonntag, 15. Oktober 2006
He sang destroy
In einem Observer-Roundtable wurde ja letztens Busted für den Niedergang von Rock verantwortlich gemacht. Mir eigentlich schnuppe, so lange Casting Shows diese wundervolle A-Capella Aufführung der gesammelten Werke von Cannibal Corpse im Programm haben, können Boybands so viele Gitarren wie sie vollen zerbrechen. Meine Frage an die Austrifizierten unter euch, wäre dann nur noch, welchen Platz der adrette Bösewicht denn eigentlich gemacht hat?
Donnerstag, 12. Oktober 2006
Die Bonmot-Reform
Hiermit möchte ich für die Einführung beruflich passender Sprichwortabwandlungen plädieren. Aus “Erst denken, dann reden” wird “....dann drehen” für den Klempner, “....dann Kurzwahl drücken” für alle Call-Center-Angestellten, “....dann ablesen” für Nachrichtensprecherinnen und “.....dann schreiben” für Norbert Bolz. Für seinen Lektor übrigens “....dann sofort in den Papierkorb werfen.”
Sonntag, 8. Oktober 2006
Ode an die Schönheit
Liebe Schönheit,
nicht immer hast du es leicht gehabt, im Laufe der Jahrhunderte. Als kleine häßliche Schwester der Erhabenheit hat Schiller dich betrachtet und Kosmetikfirmen dich gerne mit symmetrischer Physiognomie gleichgesetzt. Doch jetzt hast du zurückgeschlagen: 42332 Hits erhält bei youtube, dagegen muss die Kifferband mit 1690 wohl den kürzeren ziehen. Und auch diesen jungen Herren hast du auf deiner Seite.
Samstag, 7. Oktober 2006
To the people
Nichts versprüht ikonografischer urbanen Charme als Menschen, die hinter leuchtenden Äpfeln im Café an ihrem nächsten “Projekt” arbeiten. Auch Arnsberg will gerne technologisch weit vorne sein und nimmt aus diesem Grunde am Wettbewerb T-City teil. Lohn der Mühe wäre irgendeine schnellere Leitung, zwar nicht zu Gott, aber zu den Geschäftspartnern aus aller Welt. Doch von der Jugendlichkeitsbewegung der digitalen Bohème hält man hier nicht so viel, anders kann ich mir nicht erklären, warum man unter Hotspot vermutlich immer noch alles innerhalb der Bikini-Grenze versteht. Und unter selbstbestimmt arbeiten vermutlich die Ausweitung der Gleitzeit….
Mittwoch, 4. Oktober 2006
Bestern von Gestern
Am 21. Oktober geht in Arnsberg so einiges. “Wieder gegroovt” wird, wie der Ankündigungstext verspricht. Nun ist es aber so, dass man in dieser Stadt offensichtlich besonders auf Nummer sicher gehen will. “Mit Sicherheit fühl ich mich wohl”, woll? Aus diesem Grunde hat man sowohl einen Lärmschutzbeauftragten eingerichtet als auch dafür gesorgt, dass garantiert niemand unter 30 die Kneipenlandschaft Arnsbergs betritt. Im “Flip” spielen “Framic Trio” Rock und Pop mit “prägnanten Leadstimmen und ausgefeilten Gitarrensätzen”, in der mir vollkommen unbekannten Lokalität “Altes Schloss” bieten “Barney’s Boogie Train” Rock’n Roll & Rockabilly und die Anzahl der Bands die das Beste von Annodazumal bis aus den aktuellen Charts bietet, kann ich nicht mehr aufzählen. Am beeindruckendsten ist jedoch das Grußwort des Bürgermeisters. Nicht nur hat er eine wirklich perfekt durchchoreografierte Macher-Pose, nein, er weiß auch um den “fulminanten Klangteppich” und dass der Nightgroove “die Vielfalt der Musikdarbietungen mit dem gastronomischen Angebot unserer Stadt” kombiniert. Da heißt es wohl Dosenbier bunkern.
Donnerstag, 21. September 2006
Helden der Heißluft
Montag, 4. September 2006
Bombe nicht geplatzt
So, an dieser Stelle mal echter Premium Content, von einem der dabei war und nicht schweigen kann, bis die Wahrheit von allen Mauern widerschallt. Am Freitag war ich als nichtsahnend vorbeikommender Passant auf dem Weg von Marburg in meine schöne Heimat Arnsberg. Und als ich dann am Bahnhof Wilhelmshöhe aussteige, wundere ich mich ob der eng gepferchten Massen in der Bahnhofshalle. Ist halt Kegelgruppenfreitag, denke ich, der Sauerland Stern soll ja eine tolle Massage bieten, aber schon einige Meter weiter gefriert mir das Blut in den Adern. Eine Reihe von Sicherheitsbeamten hat sich zwischen mir und dem begehrten Kamps’schen Marzipan-Croissant postiert, Terrorverdacht, Bombenstimmung, was auch immer. Mit besorgten Gedanken über meine Bartlänge muss ich also auf den Bäcker im Tegut ausweichen, hat den Vorteil, dass die Sprite da ungefähr 1,50€ günstiger ist. Also gehe ich um den Bahnhof herum, den Gedanken an die Bombe ängstlich in mir tragend. Mit Brötchen, Sprite und Tofu-Burger im Rucksack kehre ich schließlich ans Gleis zurück, mein Zug kommt nur leicht verspätet an. Ich lasse mich auf einem freien Platz nieder und freue mich auf Brotzeit als ein leises Murmeln meine Aufmerksamkeit fesselt: “Sind mit ca.12minütiger Verspätung in Kassel eingefahren, der Aufenthalt verzögert sich aufgrund eines Bombenalarms, verlassen den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe um Punkt 13.22.” Hurra, freue ich mich, endlich lernst du mal Walter Kempowski kennen, vielleicht kriegst du jetzt einen Platz in der kommentierten Ausgabe von “Das Echolot, Band 25”, in dem alle Änderungen von der Manuskriptfassung der Karteikarte bis zur dritten Auflage des evangelischen Bücherdienstes sechsspaltig dokumentiert sind. Doch leider fehlt der Schnurrbart-ein ganz gewöhnliches Ehepaar aus der Flakhelfer-Generation mit Dokumentationszwang und einem guten Tipp: “Diese Leute haben es ja mit der Symbolik. Am 11. September sollte man es tunlichst vermeiden, Zug zu fahren, tunlichst.” Na, dann weiß ich ja Bescheid.
Mittwoch, 9. August 2006
Die bauliche Kraft des Faktischen
Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu bringen, dem hat sich die DEVK verschrieben. Geradezu beeindruckend schreit das Filialgebäude im oberhessischen Treysa den Unterschied zwischen klassischer und Quantenmechanik heraus in die bildungsresistente Kleinstadt. Den eindeutigen Gesetzen des hessischen Hausbaus steht der eigene Kosmos der angebauten Verzierung entgegen. Und über allem steht der Dirac’sche Gedanke der Irreduzibilität und das ist das Geheimnis des häuslichen Erfolgs. Dass die Geschichte mit der Theorie nicht das Gelbe vom Ei ist , des war den Hessen ja schon immer klar.
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