In der angenehmen Charlottenburger Kneipe, einem Refugium für in nicht ganz so viel Würde gealterte Hippies, neuerdings zum Raucher-Club aufgewertet, sitzt neben mir an der Bar ein Mann um die fünfzig. Er ist vielleicht blind, denke ich, jedenfalls hält er die Augen krampfhaft geschlossen und nimmt von niemandem Notiz außer dem Wirt, von dem er gelegentlich neuen Schnaps fordert und auch bekommt. Normalerweise sind die in nicht ganz so viel Würde gealterten Hippies immer recht kommunikativ, aber mein unablässig marlbororauchender Nachbar möchte sich ganz sicher nicht unterhalten. Ohne preiszugeben, an wen er sich richtet, sagt er immer nur zwei Sätze in einem ziemlich aggressiven Tonfall: Zuerst “Das Leben könnte so einfach sein”. Dann, wenn man gerade die Hoffnung aufgegeben hat, eine weitere Erläuterung zu diesem ja doch recht weitreichenden Satz zu bekommen: “Ick glaub, mein Schwein schielt”. Dann wieder von vorne. Zwischendurch wird er durch die Musik zu recht gewagten und auch nicht unvirtuosen Trommelsoli auf der Theke angeregt. All das ändert sich, als ein schrecklicher Song aufgelegt wird, in dem das Wort “Eisbär” vorkommt (nicht der NDW-Klassiker, sondern etwas reggaemäßiges): Mitten im Satz (es war der mit dem Schwein) bricht er ab, um im Folgenden rhythmisch “Knut! Knut! Knut!” zu skandieren, während hinter ihm die bekloppte psychedelische Beleuchtung rote Kringel in den verqualmten Raum projiziert.